MIT KULTUR, BILDUNG UND JUNGEN UNTERNEHMERN zum Kreativzentrum Norddeutschlands | Wolfgang Kubicki, Prof. Dr. Lutz Kipp und Holger Kahl diskutierten im Rahmen der Veranstaltung „Kiels Spitzen“ über die Situation des nördlichsten Bundeslandes und seiner Hauptstadt Kiel im nationalen und internationalen Vergleich.

Wo ist Kiel spitze? Und was muss getan werden, um die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft zu stellen? Die-sen Fragen gingen die rund 100 Gäste der Netzwerkveranstaltung „Kiels Spitzen“ im Hotel Kieler Yacht Club gestern Abend nach. Zweimal jährlich bringt die Eventreihe führende Vertreter der Wirtschaft, Kultur, Gesell-schaft und Medien aus der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins zusammen. Der Abend dient nicht nur dem Netzwerken – den „Lenkern und Denkern“ der Stadt bietet er eine Gelegenheit, aktuelle Themen branchen-übergreifend zu diskutieren. Im Zentrum der Gespräche stand am 20. April das Thema „Kiels Impulse für Deutschland – wie Kieler Köpfe die Republik prägen“.

TV-Moderator Arne Jessen leitete den Abend mit der halbstündigen Diskussionsrunde „Spitzentalk“ ein. Die Talkteilnehmer Wolfgang Kubicki, Prof. Dr. Lutz Kipp und Holger Kahl wiesen auf Errungenschaften hin, mahn-ten aber auch an, Entwicklungspotenziale gezielt zu nutzen.

Prof. Dr. Lutz Kipp, Präsident der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, erinnerte angesichts des 350-jährigen Bestehens der Hochschule an die Errungenschaften von Kieler Wissenschaftlern, etwa die Erfindung des Gei-ger-Müller-Zählrohrs zur Messung von Strahlung durch Hans Geiger. Kipp wies jedoch auch auf die aktuellen Forschungsleistungen hin: „Die Universität Kiel ist im deutschen und internationalen Vergleich sehr gut aufge-stellt. Gerade die großen Verbundprojekte, bei denen viele Forscherinnen und Forscher zusammenarbeiten, sind international sehr gut sichtbar und ein Paradebeispiel für die tolle Forschung, die man in Deutschland machen kann – aber sie kosten natürlich Geld. Ein Sonderforschungsbereich etwa entwickelt aktuell höchst-empfindliche magnetische Sensoren, die eingesetzt werden können, um Gehirnströme bei Temperaturen zu messen, die nicht bei -270 Grad liegen wie bislang üblich. Das ist eine große Innovation.“

Wolfgang Kubicki, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag, mahnte Prof. Dr. Lutz Kipp, sich nicht auf den Errungenschaften auszuruhen:

„Kiel hat einen hervorragenden Ruf in Bezug auf Wirt-schaftswissenschaften. Da muss man aber wieder ein bisschen mehr tun, da andere Universitäten ja auch nicht schlafen.“

Kipp konterte mit dem Bedarf an finanziellen Mitteln:

„Wir haben hier ein ganz großes Potenzial, Spitzenforschung auf höchstem Niveau zu betreiben. Wir haben sehr gute, auch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen in Schleswig-Holstein, mit denen wir in Kooperation herausragende Forschung betreiben können, die später eventuell in Produkten mündet. Das ist ein Potenzial, das wir heben können. Da muss man investieren, aber ohne Spitzenforschung werden Sie keine Zukunft gestalten können.“

Für die weitere Entwicklung Kiels setzt Wolfgang Kubicki auf den tertiären Sektor: „Wir müssen uns auf Dienstleistungen, auf Beratung und auf Innovationen konzentrieren – wir werden nie eine Industriestadt sein. Und wir müssen kreative Potenziale hierherholen. Wenn das Kultur- und das Bildungsangebot größer und die Verkehrsanbindung optimaler wären, könnten wir das, was Berlin gerade erlebt, auch in Schleswig-Holstein haben: Dann würden sich hier kreative junge Unternehmen ansiedeln.“

Holger Kahl, Geschäftsführer NOBISKRUG GmbH, verteidigte die „Old Economy“: „Wirtschaft kann nicht nur aus Dienstleistungen bestehen, irgendwer muss auch etwas fertigen. Das Bild, das Sie, Herr Kubicki, zeichnen, ist zu düster. Wir müssen uns auf spezielle Segmente fokussieren. Wir produzieren einzigartige Schiffe, keine Schiffe von der Stange. Wir bauen etwas für den individuellen Bedarf eines Einzelnen. Darauf können sich Großwerften in Korea und China überhaupt nicht einstellen, die produzieren ausschließlich Handelsschiffe in großen Serien.“

Im weiteren Verlauf wendete sich die Diskussion den Olympischen Spielen und der aktuellen Flüchtlingslage zu. Wolfgang Kubicki setzte sich vehement für die Olympischen Spiele ein: „Ich bin begeistert von der Idee, und weiß, dass Kiel das kann. Das beweisen wir jedes Jahr bei der Kieler Woche. Die große Herausforderung für uns wird sein, die Welt davon zu überzeugen, dass wir Großereignisse überhaupt noch auf die Beine stellen können. Stuttgart 21 haben wir nicht geschafft, der Flughafen Berlin-Brandenburg gestaltet sich schwierig und bei der Elbphilharmonie wissen wir auch nicht, wann sie eröffnet.“ In Bezug auf die aktuelle Flüchtlingskata-strophe im Mittelmehr mahnte er dringlich unbürokratisches Handeln an: „Ich kann die Diskussion überhaupt nicht nachvollziehen, ob man Boote einsetzen sollte, um die Menschen zu retten. Es ist unsere verdammte Pflicht, die Menschen aus dem Wasser zu holen, sie am Leben zu halten. Alles andere können wir später regeln. Das Schicksal von Menschen hintenan zu stellen, weil man keine politische Lösung hinbekommt, geht mir nicht in den Kopf.“

Bei Köstlichkeiten aus der Küche des Hotels Kieler Yacht Club oder einem deftigen Schinkenbrot von der Bäckerei Günther und Böklunder wurden im Anschluss Gespräche geführt und die eine oder andere Visitenkarte getauscht. Erlebnisstationen, etwa ein Kicker oder die MeridianSpa-Flaschenpost, mit der Grüße von der Veranstaltung verschickt werden konnten, trugen zu einem vielseitigen Abend und losgelöster Stimmung bei. Auch Kunst kam nicht zu kurz: Jochem Roman Schneider präsentierte Arbeiten aus seiner Galerie „Panora-mar“. Großer Gewinner des Abends war Mario Biedermann von der Privatbank Donner & Reuschel. Er freute sich über den Netzwerkpreis, Fliegeruhren von Pop Pilot und Karten für die Oper Kiel für jeweils sechs Personen.

Unter den Gästen: Roland Reime (Präsident Holstein Kiel), Dr. Arne Zerbst (Präsident Muthesius Kunsthochschule), Katja Rathje-Hoffmann (Landesvorsitzende Frauen Union), Tim Siedschlag (Spieler Holstein Kiel), Constantin von Oesterreich (Vorstandsvorsitzender HSH Nordbank), Helge Grammerstorf (Geschäftsführer SeaConsult HAM) und Dirk Scheelje (Aufsichtsratsvorsitzender Seehafen Kiel).

Fotos:  © 2015 TANGO | Fabian Frühling